Stadt Land Fluss

Bei Stadt-Land-Fluss wäre ich nie auf die Niers gekommen

Die Niers plätschert gemächlich entlang der niederrheinischen Flachlandidylle. Dort wo die Entenfamilien freundlich miteinander schnattern und der Hase dem Igel gute Nacht wünscht. Das weiß jeder, der schon mal entlang des beschaulichen Flüsschens eine Kajak-, Kanu-, Kanadier- oder eine Floßtour unternommen hat. „Ich hab’ da so eine schöne Paddeltour auf der Niers gemacht“, erzählte ich kürzlich bei einem Kaffeeklatsch. „Wo?“, kam es im Chor zurück. Auf der N-I-E-R-S. Die Niers ist ein Geheimtipp, dann wieder auch nicht. Die meisten kennen sie nicht, und doch wird es bei schönem Wetter schon mal voll auf dem kleinen Fluss am Niederrhein. Ich selbst bin zu der Kajaktour auf der Niers wie die Jungfrau zum Kind gekommen. Als ein Bekannter fragte, ob ich Lust auf eine Paddeltour hätte, habe ich ein Picknickkorb geschnürt, Badeklamotten und Sonnenbrille eingepackt und mich einfach ins Auto dazugesetzt und bin in Wachtendonk ausgestiegen. Es gibt ihn also wirklich, auch wenn ich bei „Stadt-Land-Fluss“ nie darauf gekommen wäre.

 

 

 

Die Niers ist kein Fantasiefluss. Obwohl er und auch die Landschaft, durch die er fließt, erdacht sein könnten. Wären da nicht die Segelflugzeuge am Himmel, oder hin und wieder eine Kanu-Truppe in zeitgenössischen Klamotten, könnte man annehmen, in einer Zeitmaschine einige Jahrhunderte zu rück gebeamt worden zu sein. Die Zeit steht hier still. Nur die Niers fließt. Sie entspringt bei Erkelenz und mündet auf der niederländischen Seite bei Gennep in die Maas. Auf ihrer 117 Kilometer langen Route überwindet sie ein Gefälle von rund 30 Zentimeter pro Kilometer (im Mittel- und Unterlauf). Dabei bringt sie es gerade mal auf zwei Kilometer pro Stunde Fließgeschwindigkeit.

 

Es ist eben ein typischer Flachlandfluss und eine Paddeltour auf diesem kein Wildwasserrafting. Wenn man die Mitpaddelnden nicht gerade zum Bootsrennen herausfordert,
wird man sich sportlich kaum herausgefordert fühlen. Aber dafür gibt es andere Flüsse: die Lahn, Wupper oder gar den Rhein. Auf der Niers kann man sich entspannt
zurücklehnen – vorausgesetzt es gibt eine Lehne – und dem sanften Dahinfließen hingeben. Es ist fast wie im Schaukelstuhl sitzen, nur dass sich die Landschaft drum herum verändert. Hier eine Kopfweidengruppe, dort ein blühender Obstgarten, eine Auenlandschaft, Äcker und kleine Waldstücke. Eine der beliebtesten Stecken für Familien liegt zwischen Grefrath und Wachtendonk. Auf der neun Kilometer langen Route gibt es nichts, was einen schönen Ausflug trüben könne: Stromschnellen oder heimtückische Etappen, gar böse Überraschungen hinter der Kurve. Stellenweise ist die Niers sogar begradigt, sodass die Rudernden nicht einmal links oder rechts steuern müssen. Nur ab und zu braucht das Wassergefährt einen kleinen Schubser, um von der Stelle zu kommen. Dafür lieben die Paddelanfänger diesen Fluss.

 

Er bietet genug Zeit und Möglichkeiten, um sich eingehenden Naturbeobachtungen zu widmen: etwa das Balzverhalten der Libellen zu studieren, die Familienpolitik der
Enten zu analysieren und die Kaufrequenz der für die Region typischen Kuh in schwarz-weiß zu zählen. Während diese umgekehrt am Ufer der Niers steht und mehr apathisch als neugierig das Treiben auf dem Fluss beäugt. Anders als bei einer Paddeltour auf der Sieg, die von relativ hohen Böschungen gesäumt wird, ist die Niers auch je nach Wasserstand an vielen Etappen fast ebenerdig mit dem Ufer, über dem man die niederrheinische Landidylle an sich vorbeiziehen lässt. Langeweile kommt hier gar nicht auf. Ganz im Gegenteil: Neun Kilometer und zwei bis drei Stunden später hinter Grefrath – in der Nähe von Wachtendonk –möchte ich am liebsten weiterpaddeln, denn die fließende Bewegung hat man schnell im Blut. Das wirkt selbst auf hyperaktive Menschen entspannend, weil man sich in den Details der Natur verliert. Und ab und an verliert sich die Natur. Kleine Entenkücken bleiben hinter ihren Geschwistern zurück und hängen sich einfach an einen Kajak, das sie für ihre Mutter halten und dauernd anquaken.
Von Eintönigkeit keine Spur. Schon gar nicht, wenn auch andere Kanuten – besonders bei strahlendem Wetter – auf die Idee gekommen sind, eine Paddeltour zu unternehmen. Dann kann es schon mal eng werden und spätestens dann sollte man aus seiner Trance erwachen und manövrieren, überholen, für eine Pause eine Anlegestation ansteuern – für ein kleines Picknick oder eine „P“-Pause.

Hat man erst sein Boot verlassen, mangelt es nicht an weiteren Attraktionen. Denn entlang der Niers wurden zahlreiche Herrenhäuser, Wasserburgen und Schlösser gebaut. Aber will man das? Das ist eine andere Geschichte, für die mal lieber das Fahrrad bemüht. An Radstrecken mangelt es am Niederrhein jedenfalls nicht. Seit meiner Paddeltour, habe ich den Neckar, den Niger und den Nil aus der Fluss-Spalte beim Stadt-Land-Fluss gestrichen und fahre mit der Niers die volle Punktzahl ein. Super!

 

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