RÜGEN

Nach der Lektüre bleibt weder Rügen noch die Schriftstellerin eine Unbekannte. Ihr Rügen ist jedenfalls auch mein Rügen. „Mich macht es immer ein wenig nervös, auf Rügen, aber nicht am Meer zu sein“, sagt Claudia. Mir geht es ähnlich. Als der Zug aus der Hansestadt Stralsund Richtung Binz losfährt, steigt meine Ungeduld. Endlich mit den Zehen im Sand wühlen und mir vom Wind die Haare zerzausen lassen. Die Zugfahrt quer durch Rügen dauert eine knappe Stunde, und als die Lok Binz erreicht, folge ich dem Ruf der Möwen. Auf der langen Uferpromenade, die zwischen malerischen Villen auf der einen und Kiefern, Dünen und breiten Stränden mit Strandkörben auf der anderen Seite verläuft, herrscht Ferienstimmung: Flaneure kaufen Eishörnchen, Wellnessurlauber in Bademänteln suchen den kürzesten Weg zum Wasser. Alle paar Meter führt ein Strandzugang zu einem FKK-, Textil- oder Hundestrand herab, wo Kinder unter neugierigen Blicken der Möwen Sandburgen bauen und Hunde Frisbees jagen. Von Claudia habe ich erfahren, dass der erste offizielle FKK-Verein Deutschlands 1898 nicht wie erwartet im Osten an der Küste, sondern im Ruhrgebiet gegründet wurde. Von ihr weiß ich auch, dass zu DDR-Zeiten viele Bürger Rügen gar nicht gesehen haben, weil die Gewerkschafts-Urlaubsheime hoch begehrt und ausgebucht waren. Sie selbst lebte an der Küste, in Dranske, im Nordwesten. Rügen kennt sie wie ihre eigene Westentasche, bis auf das Landesinnere. „Die wenigsten Rüganer sind mit der ganzen Insel vertraut. Dafür ist Rügen einfach nicht übersichtlich genug.“ Ganze zehn Tage hat sie mich vom kleinen Zicker, dem südlichen Inselzipfel, nach Kap Arkona und noch weiter, bis zur Insel Hiddensee, begleitet. Natürlich nicht persönlich. Es waren ihre Worte, die mit mir reisten. Claudia ist die perfekte Reisebegleiterin. Meist waren wir uns einig: über die aalglatte Bäderarchitektur oder über den demokratischen Gedanken, der in der Freikörperkultur steckt. Unser gemeinsames Hobby: stundenlang an Steinstränden Feuersteine, Kreidestücke oder Muscheln aufsammeln – einfach so, um sie nach genauer Inspektion an einer anderen Stelle wieder fallen zu lassen. Rügen ist überall anders: landschaftlich und architektonisch. Ja, sogar das Wetter kann ganz unterschiedlich sein, je nachdem, wo man sich gerade aufhält. „Wenn es in Sassnitz regnet, ist das kein Grund, in Nonnevitz nicht bei fröhlichem Sonnenschein zu baden oder im Bodden zu surfen“, schreibt Claudia. Meistens scheint auf Rügen die Sonne. Als Beweis reicht es, regelmäßig die Wettervorhersage zu verfolgen. Auf der Deutschlandkarte erscheint oben rechts fast immer das Symbol der Sonne. Und wenn es mal regnet? Dann gibt es genug Möglichkeiten, sich den Tag zu vertreiben. Zum Beispiel im Kaiserpavillon und Palmengarten auf der Selliner Seebrücke, im Sassnitzer UBoot H.M.S. Otus oder in Prora, einer tristen Gegend nördlich von Binz, die man normalerweise meiden würde, wäre da nicht die Ferienanlage „Kraft durch Freude“, kurz „KdF“. Der monumentale Urlaubsclub des Dritten Reiches ist kein schöner Ort. Sechs Stockwerke, und das viereinhalb Kilometer lang. Viel Beton. Aber: „KdF – das muss man sehen, sonst glaubt man’s nicht …“, notiert Claudia auf ihrer Rügenkarte. Ich muss mich auch drei Mal in den Arm kneifen. Selbst bei strahlendem Sonnenschein verfinstert sich das Gemüt. Prora ist ein Ausflugsziel für Regentage.


Nur wenige Kilometer liegen zwischen Prora und Binz. Aber der Kontrast zwischen der Architektur von Clemens Klotz (!) – so hieß Hitlers Architekt passenderweise – und der filigranen Bäderarchitektur des ausgehenden 19. Jahrhunderts könnte größer nicht sein. Die vier Hochglanz-Seebäder Binz, Sellin, Baabe und Göhren funkeln wie verliebte Augen. Ihre gepflasterten Uferpromenaden, Seebrücken, Konzertmuscheln und die makellosen Fassaden der typischen Villen, die in Reih und Glied um die Gunst des flanierenden Publikums kokettieren – es ist ein Jahrmarkt der Eitelkeiten und ein hinreißendes Erbe des Baubooms von 1870. Die Villen mit Namen wie „Glücks pilz“, „Haus Eintracht“, „Villa Fernsicht« oder „Vineta“ spielen mit der Formensprache aus Russland und China, greifen auf historische Motive aus dem Jugendstil, der Neogotik oder dem Klassizismus zurück. Was sie verbindet, das sind die filigranen Holzveranden und (bis auf wenige Ausnahmen) ein makelloses Weiß. Weiß ist auf Rügen allgegenwärtig: die Strände, vor allem jener an der Schabe, sind karibisch weiß, Putbus hat den Beinamen die „weiße Stadt“, weiß verputzte und mit Reet gedeckte Häuschen mit Stockrosen im Garten. Und das natürlich berühmteste Weiß Rügens: Kreide. Tausendmal schon habe ich die Kreidefelsen im Jasmunder Nationalpark gesehen. Auf Bildern. Aber es verschlägt mir den Atem, als ich vom 118 Meter hohen Königsstuhl auf das von der Kreide milchig gefärbte Meer hinunterblicke. Claudia meint: „Es wäre leicht, sie (die Kreidefelsen) abzutun als überschätzten Tourismusmagneten, zu dem seit Caspar David Friedrich jeder pilgern muss […] Aber so ist es nicht.“ Tatsächlich entfalten die weißen Buckel der Felsen bei Sonnenschein eine Anziehungskraft, bei der man sogar das Fotografieren vergisst. In den Sommerferien kann einem dieser meditative Zustand im Haifischbecken der Touristen zum Verhängnis werden. „Kenne se mal jeeehn! Se fotografiere ick ja nischt“, mahnt mich jemand, der es offenbar eilig hat. „Nö, gucken ist doch auch schön.“ Offenbar sehen sich manche Menschen ihre Urlaubsbilder lieber daheim auf dem PC-Schirm an. Hier geht es nur klick, klick, danach ‘ne Currywurst. Am eintrittsgeldpflichtigen Kaiserstuhl tummeln sich alle Besucher der Kreidefelsen, während die benachbarte Anhöhe „Viktoriasicht“ fast menschenleer bleibt, und der Ausblick ist nicht weniger entzückend. Dort bleibt genug Zeit zum Schauen, Fotografieren und sogar für einen Spaziergang durch den uralten Buchenwald des Nationalparks – den Tipp habe ich von Claudia. Ähnlich wie im Jasmunder Nationalpark ergeht es mir rund um den (fast) nördlichsten Punkt Rügens, am Kap Arkona. Der einzige Gast ist man hier nie. Schon gar nicht im Hochsommer. Trotzdem lohnt der Weg. Allein schon, um aus
der Ferne hinter den flachen Rapsfeldern Arkonas Leuchttürme zu entdecken. Egal, wie viele Menschen sich dann in unmittelbarer Nähe der Türme tummeln – den Blick nach oben können sie nicht versperren. Es gibt viele schöne Aussichten auf der größten deutschen Insel. „[…] die Insel hat eine Gesamtausdehnung von knapp tausend Quadratkilometern. […] Das entspricht aber immerhin den Flächen der Freien Hansestädte Hamburg und Bremen zusammen. Oder friesisch gerechnet dem Zehnfachen von Sylt“, hat Claudia errechnet. Wenn man sich die Karte Rügens anschaut, erkennt man, dass die gesamte Küste zerfurcht ist von Buchten, Wieken und Bodden, Haken, Kaps, Landzungen, Nehrungen. Dazu kommen die vielen Hügel, vor allem im Süden der Insel. Claudia meint: „Auch die Aussicht ist an jedem Strand anders. In Binz schaut man auf den Fährhafen Mukran und die fernen Kreidefelsen, von Thiessow aus auf die Greifswalder Oie. Von der Schabe blickt man auf Kap Arkona, und vor Nonnevitz liegt theoretisch Schweden im Wasser […].“ Ich schaue am liebsten von den Stränden im Mönchgut, bei Göhren und auf dem kleinen Zicker auf das Meer. Für mich sind Strandkörbe bei einem Ostseeurlaub unverzichtbar. Außerdem liegen hier genügend Feuersteine, Kreidebrocken, Muscheln und andere Findlinge, die einem jeden Strandspaziergang kurzweilig machen. Claudia hat ihre Kindheit am Strand zwischen Juliusruh und Glowe verbracht – es ist ihr liebster Strand auf Rügen. Der Sand hat die perfekte Qualität für Sandburgen und Strandläufer.

Aber er hat einen Haken: Es gibt hier keine Strandkörbe, und die Badenden bringen ihre eigenen Zeltmuscheln mit, die ich genauso wenig mag wie Claudia. „Die Menschen verschwinden in diesen Dingern wie in Häusern. […] Auf mich wirken sie unsozial und ausgrenzend. Sie verschandeln die schöne, weißsandige Bucht wie Akne eine glatte Jungenwange und machen aus dem Strand eine abgezäunte Kleingartenkolonie. […] Damals war der Strand ein ausgesprochen offener, geselliger Raum.“ Das kann ich sehr gut nachvollziehen. Es gibt aber eine Zeit, kurz vor der Dämmerung, da ziehen alle Zeltmuscheln von dannen. Einer der markantesten Punkte Rügens: Die drei Leuchttürme am Kap Arkona sind vom Rapsfeldmeer und der Ostsee umgeben.und die Möwen übernehmen wieder die Herrschaft über den langen Strand, bis in die Morgenstunden – die perfekte Zeit für ein Rendezvous mit dem Meer. Es gibt noch so viel über Rügen zu sagen, zum Beispiel, dass die Insel ausgesprochen hundefreundlich ist. Neben Hundestränden gibt es vor fast jeder touristischen Attraktion einen Wassernapf. Über Rügens abenteuer liche Fahrradwege ließe sich eine Glosse schreiben, immerhin enden die Radwege nicht selten und sehr plötzlich im Sand. Über Rügens Helden „Klaas“ Störtebeker, den Robin Hood des Nordens, der auch heute noch in den Köpfen der  Menschen lebendig ist. Nicht nur während der Freilichtspiele in Ralswiek, sondern auch als Bier. Oder über den „Rasenden Roland“, die letzte aktive Dampflok Deutschlands, die schnaufend durch die Granitz, zwischen Putbus und Göhren, im Schritttempo rattert und dabei ein „Tüüü, tüüü“, wie es sich für eine alte Lok gehört, trötet. Und dann ist da noch Hiddensee, ein autofreies Schmuckstück der Ostsee. Rügen bietet reichlich Futter für Geschichten. Kein Wunder, dass Claudia Rusch gleich ein ganzes Buch verfasst hat. Rügen ist die Größte! Also: selbst hinfahren, anschauen und staunen.

Rügen-Info

Anreise. Mit der Deutschen Bahn. Es gibt von Rostock und Greifswald regelmäßige Züge, und das Verkehrsnetz auf Rügen ist sehr gut ausgebaut. Es gibt Busse für Radfahrer:
www.rpnv.de; der „Rasende Roland“ verkehrt zwischen Putbus und Göhren und verbindet alle Seebäder miteinander:
www.ruegensche-baederbahn.de; Fähreninformationen
gibt es unter: www.reedereihiddensee.de und www.reederei-kipp.de
Hotel.Travel Charme Hotels gibt es in Binz, Sellin und Göhren. Frühjahresangebote ab 84 € inkl. Frühstück, www.travelcharme.com

SPA. Im Amber-Spa des Hotels Bernstein in Sellin gibt es mehrere Bernsteinanwendungen, vom Peeling über Bernsteinmassage. Beliebt ist die Dampfbad-Bernsteingrotte. Wellnessarrangements mit 2 Ü., inkl. F. ab 213 €, www.hotel-bernstein.de

 

 

 

 

Buchtipp. Claudia Rusch, Mein Rügen, mare
Verlag, 192 S., 18 €

 

 

 

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