Auf den Spuren der Selbermacher in Hamburg

Auf den Spuren der Selbermacher in Hamburg Foto: www.mediaserver.hamburg.de/C. Spahrbier

In Hamburg gibt es eine selbstbewusste und kreative Do-it-yourself-Szene (DIY). Gemeinsam wird gehäkelt, gekocht und gegärtnert. Besonders cool sind Fab Labs und Hackerspaces, in denen Handys oder Roboter selbst gebaut werden.



Es gibt Frauen, die ziehen bei ihrem Junggesellinnenabschied mit ihren Freundinnen um die Häuser und lassen es noch mal ordentlich krachen. Und es gibt Frauen, die laden an diesem denkwürdigen Tag zum gemeinsamen Upcycling (Aufarbeiten) alter Möbelstücke ein. „Ich habe mich selbst gewundert, als ich den Anruf der Braut aus Kathmandu erhielt," erzählt Karolin Leyendecker lachend. Die Künstlerin bietet in ihrer Werkstatt MöbelVerrückt in Hamburg entsprechende Workshops an. „Meine Kunden kommen aus ganz Deutschland – und oft auch aus dem Ausland. Häufig sind es Pärchen – während sie hier ist, macht er Sightseeing in Hamburg", berichtet die 48-Jährige. Bei Leyendecker werden alte Möbel in originelle Hingucker verwandelt. "Aus Alt mach Neu" ist ihre Devise.

Leyendecker gehört zur wachsenden DIY (Do it yourself)-Szene in Hamburg. Es wird gehäkelt und gestrickt, eingeweckt, gekocht und gegärtnert, gesägt und getöpfert, gehämmert, repariert und programmiert. Ob Erdbeermarmelade, ipad-Hüllen, Möbel, Strickpullis – und neuerdings auch Roboter und Handys – vor allem selbst gemacht soll es sein.

Crafting oder Fabbing

Die modernen Handwerker nennen es Crafting oder Fabbing. Unter „Fabbing" (Fabrication Laboratory) versteht man das digitale Entwerfen und anschließende Fabrizieren von realen Produkten. Zu den Technologien, die für die digitale Fabrikation eingesetzt werden, zählen beispielsweise 3D-Drucker. Im Fab Lab Fabulous St. Pauli e.V. kann man sogar sein eignes Handy zusammenschrauben: „Technik meets Kunst meets DIY-Kultur", heißt es dort. „Fabulous St. Pauli will damit zeigen, dass sich inzwischen auch komplexere, elektronische Gegenstände selbst produzieren lassen und dass ein Massenprodukt wie das Mobiltelefon nicht nur aus einer ökologisch und sozial meist fragwürdigen Industrieproduktion stammen muss."
Handmade als neues Statussymbol

Trendforscher sprechen von einem Bedürfnis nach Autonomie und Selbstwirksamkeit als produktives Individuum und dem Wunsch nach einem nachhaltigeren Lebensstil. „In einer Welt, in der man alles fix und fertig kaufen kann, ist eine ungeheure Lust entstanden, Dinge selbst zu gestalten – und dafür natürlich auch Anerkennung zu erhalten", sagt der Hamburger Trendforscher Professor Peter Wippermann. Das beginne schon bei den Kleinen. „Derzeit sind die Kids zum Beispiel total versessen auf die bunten Loom-Bänder zum Häkeln." Handmade als neues Statussysmbol. Nicht das in Massen Fabrizierte, sondern das Selbstgemachte ist das Besondere.

Hamburg – Hochburg von Repair- und DIY-Cafès

In den Repair-Cafés, die derzeit in diversen Hamburger Stadtteilen entstehen, geht es um den Wunsch, Liebgewonnenes zu erhalten statt wegzuschmeißen. Bei den kostenlosen Treffen reparieren die Teilnehmer gemeinsam mit anderen kaputte Dinge – ob Fahrrad, Toaster oder Lieblingspulli. Ehrenamtliche Reparaturexperten helfen dabei, so viel wie möglich selbst wieder in Ordnung zu bringen. Dazu gibt es Kaffee und selbst gebackenen Kuchen. Die Idee stammt aus Amsterdam und findet in der Hansestadt immer mehr Anhänger. Do it yourself beziehungsweise Do it together heißt es auch im Maker Hub in Altona.

Im „Macher-Treffpunkt" werden regelmäßig Technik-Workshops organisiert. Auf 340 Quadratmetern befindet sich ein schönes Café, zudem ist viel Platz für Events – mal Workshopfläche, mal Galerie, mal Bühne. „Ein Ort für Denker, Schöpfer und kreative Köpfe mitten in unserer geliebten Nachbarschaft Altona/Ottensen", sagt Inhaberin Seda Jelveh.

Mit dem Maker Hub Unabhängigkeit fördern

Die Idee zu dem Maker Hub hatte sie gemeinsam mit ihrem Mann Ali, Mitgründer des Startups Protonet, das im gleichen Gebäude sitzt. Erst kürzlich hatte Protonet international Aufsehen erregt, weil das Startup in wenigen Stunden mehr als 1,5 Millionen Euro einsammelte – ein Rekord im Crowdfunding.
Das Produkt: ein Computerserver, der mehr Datensicherheit und Unabhängigkeit verspricht. Diesen Gedanken wollen die beiden auch mit dem Makerhub weitergeben. „Wir glauben an die Unabhängigkeit. Wir wollen Menschen dabei helfen, selbst Dinge zu produzieren und eigenhändig zu gestalten, so dass sie sagen ‚hey, ich kann ja mein eigenes Gerät herstellen!"

Superkids-Hacktable in Altona

Beim „Superkids-Hacktable" können zum Beispiel 7 bis 14-Jährige Programmieren lernen und ihre ersten eigenen Roboter zusammenzuschrauben. Gemeinsam mit Computerexperten und Technik-Freaks arbeiten sie an kleinen technologischen Projekten. Sie malen auf Tablets, bauen bunte Roboter, programmieren Kritzelmaschinen. „Wir wollen den Kindern Zugang zu Wissen und Hardware bieten, damit sie ihre eigenen Ideen verwirklichen können. Das finden die Kids voll cool, die Nachfrage ist groß, daher wollen wir das Angebot jetzt ausweiten", sagt Seda Jelveh.

Noch etwas ist den Gründern vom Makerhub wichtig: ihre direkte Umgebung. Sie arbeiten daher vor allem mit lokalen Produkten. „Auch unsere Fruchtsäfte, Softdrinks und Backspezialitäten in unserem Café kommen direkt aus der Nachbarschaft und bringen Woche für Woche ein bisschen Hamburg auf den Tisch."

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