Deutschland, dein Handwerk!

Deutschland, dein Handwerk! Foto: Doll-up Sisters

Massenware? Nein, danke! Dann doch lieber handgefertigt. All das gibt es in Deutschland, oft seit Generationen im Familienbetrieb: Gebäck, Mode, Schmuck, Gartenzwerge oder Whisky. Eine Handwerksreise durch die Republik. Von Anja Genz





Dampf trifft Leidenschaft: Hutmacherei in Regensburg

Gleich um die Ecke des Regensburger Doms liegt ein gelbes unscheinbares Häuschen. Die zwei Schaufensterfronten tragen die große Überschrift „Der Hutmacher“. Hier, im Krautermarkt 1, werden tatsächlich noch Hüte von Hand angefertigt. Der kreative Kopf dahinter ist der 47-jährige „Hutkönig“ Andreas Nuslan. Als gelernter Hutmacher stellt er Damen- und Herrenhüte her. Sei es für das Schaulaufen im englischen Ascot, als Kopfbedeckung für den Papst in Rom, die Bergwanderung oder eben als hübsche Kopfbedeckung für jeden Tag. Die Wünsche der Kunden können sehr individuell sein, beispielsweise wenn Disney Deutschland anruft und einen fantasievollen Hut für „Alice im Wunderland“ in Auftrag gibt! Wer noch keine genaue Vorstellung vom Hut seiner Träume hat, findet in den 12.000 aufgetürmten Hutstapeln im Regensburger Laden bestimmt etwas. Und wenn nicht? Na dann gibt es noch die Werkstatt: rund 10 000 unterschiedliche hölzerne Hutformen, aufgereiht in Regalen bis unter die Decke. In bis zu 80 Arbeitsschritten fertigt Andreas Nuslan aus Filz mit Hilfe von Dampf und Druck neue Kopfbedeckungen. Promis wie Jan Josef Liefers, Papst Benedikt oder der verstorbene Willy Brandt trugen schon seine Kreationen. Mehr Infos unter: www.hutmacherei.de

Sister Act trifft Schmuck: Doll Up Sisters in Schwäbisch Gmünd

Es erinnert ein bisschen an eine Bastelstunde, wenn Sophia Wahl und Anna-Iva am Holztisch über neue Kreationen brüten. Farbtöpfchen hier, eine Zange da und allerlei Kleinkram. Als Kinderspielerei ist ihre Arbeit allerdings nicht zu bezeichnen. Die beiden Schwestern, die eine gelernte Keramikmeisterin, die andere Diplomdesignerin, sind zusammen Doll up Sisters und stellen Modeschmuck in Schwäbisch Gmünd her. Ob an Finger oder Ohr, ihre witzigen Motivkreationen sind ein Hingucker. Ihr Markenzeichen: hochwertige Rohstoffe wie Gold und Silber treffen auf den Kunststoff Copopolymer. Dabei sehen ihre Schmuckstücke äußerst edel aus. Die Idee für ihr hauseigenes Schmucklabel Amala entstand direkt nach Sophia Wahls Designstudium und ist ihr erstes „Kind“. Die kleinen Schmuckstücke entstehen individuell und auf Bestellung. Dabei liegen die kreativen Gene anscheinend in der Familie. Schon ihr Vater war Silberschmied und Produktdesigner. Selbst der Großvater arbeitete als Stahlgraveur und Designer. www.amala.net

Typisch Deutsch?! Gartenzwergmanufaktur in Gräfenroda (Thüringen)

Irgendwie schon … aber wer hat schon noch die „echten“ handgefertigten Tonzwerge im Garten? Die kleinen Wichte mit roter Mütze sind das Symbol für das deutsche Spießertum, aber doch irgendwie niedlich und eben die urdeutsche Gartendekoration! Reinhard Griebel käme nie ein quietschbuntes Exemplar aus China in den Garten! Denn seit 1874 – und damit bereits in vierter Generation - fertigt Familie Griebel die echten Tonzwerge. Die Kleinen haben alle den gleichen Geburtsort: Gräfenroda am Rand des beschaulichen Thüringer Waldes. Ihr typisches Aussehen steht symbolisch für Fleiß, erklärt der Gartenzwergvater Reinhard Griebel. Inzwischen kann Griebel ohne die Hilfe seiner Frau und weiteren Mitarbeitern die Nachfrage nicht bewältigen. Von den Regalen in der urigen gemütlichen Werkstatt schauen die kleinen gebrannten, aber noch unbemalten Exemplare herunter. Sie warten darauf, ein Farbkleid zu bekommen, um gut verpackt in die weite Welt zu reisen. Manchmal kommt dann sogar ein Bild vom Zwerg mit neuem Besitzer und seiner neuen Heimat zurück nach Gräfenroda. Zwerg ab € 15 gibt es über den Onlineshop www.tuinkabouterwinkel.nl oder direkt unter www.zwergen-griebel.

Schön gestrickt: Perlhund in Köln

Alles fing mit handgefertigtem Schmuck, Taschen und Gürteln an. Doch dann sattelte Bernadette Schwering um: auf Strick. Ihr damals achtjähriger Sohn sorgte für den witzigen Namen der kleinen Manufaktur: Perlhund. Eigentlich sollte ihr Label den Namen Perlhuhn tragen. Doch Sohn Benjamin bestand auf seine neugeschöpfte Wortkreation. Mit der eigenen Strickmaschine fertigt sie seit 2011 ihre eigenen Stoffe an und verwandelt sie in Mode im Stil der 40-er und 50-er Jahre. Spezielle Wünsche sind dabei gerne gesehen: ob ungewöhnliche Uni-Farben und Farbkombinationen (bis zu 84 Farbtöne stehen zur Wahl) oder Kleider bis Größe 46 – vieles ist möglich. www.perlhund.de.

Hinter schwedischen Gardinen: Lemonfish in Plüderhausen

Ob die Sonne scheint, es regnet oder schneit: Bettina Bruchhagen geht regelmäßig ins Gefängnis, genauer gesagt zu den Insassen des Frauengefängnis‘ Schwäbisch Gmünd. Aber nicht als Besucherin, sondern als Arbeitgeberin. Sie lässt dort aus gebrauchten Seesäcken der Bundeswehr und bunten recycelten Borten Taschen, Armbänder und Portemonnaies nähen. Die ungewöhnliche Idee entstand gemeinsam mit Geschäftspartnerin und Ex-Mitstudentin Alexandra Dittrich. Als die beiden 2001 den Schritt in die Designselbstständigkeit wagten, konnten sie sich eine Gefängnisproduktion noch nicht vorstellen. Wie die meisten anderen Produzenten ließen sie ihre Produkte in Asien anfertigen. Doch die Flexibilität, die Nähe zur Produktion und das gute Gefühl bei der Herstellung wurden immer wichtiger und so war bald der ungewöhnliche Produktionsort im Knast die neue Wahl. Zwei Inhaftierte absolvierten hinter Gittern sogar eine Ausbildung zur Modenäherin, und selbst in der eigenen Musternäherei sind inzwischen ehemals inhaftierte Frauen angestellt. Mehr zum Projekt unter www.lemonfish.de. Die Taschen können beispielsweise online unter www.sahnestueckchen.de oder www.lieblingstasche.de erworben werden.

Arbeiten à la Ziege: Anglo-Nubier Ziegenhof in Hoyersförde

Nur meckern und Gras fressen und das den lieben langen Tag? Die rund 30 Ziegen von Konstanze und Dieter Bartold haben eine klare Aufgabe. Jede Dame gibt pro Jahr bis zu 700 Liter Milch. Die Herren, nun ja, die dürfen den ganzen Tag Gras fressen. Sie sind sich ihres Promistatus bewusst, schließlich gehören sie zu der in Deutschland seltenen Rasse der Anglo-Nubier-Ziege, die sich aus Kreuzungen mit einer ägyptischen Ziegensorte entwickelt hat. Doch auch die Hofbesitzer, Konstanze und Dieter, haben viel Arbeit. Er stellt den Käse in allen Variationen von Weichkäse bis Camembert her, sie kümmert sich um Verkauf und die Seifenproduktion. Als Diplom-Kosmetikerin kennt sich Konstanze bestens mit pflegenden Produkten aus und weiß um die Wirkung der reich an Spurenelementen, Vitamin A und E ausgestatteten Milch der Anglo-Nubier-Ziege. Dadurch, dass die Seife nicht gekocht, sondern in gewärmtes Öl gerührt wird, entsteht eine fein-schäumende Seife. Schließlich hat schon Kleopatra täglich in Milch gebadet! Verkauft wird die Seife sowie der Käse auf den nahen lokalen Märkten und im Online-Shop unter: www.hoyersziegen.de.

Er liebt die Sonne: Weingut Göbel-Schleyer- Erben in Ernst an der Mosel

Der rote Weinbergpfirsich sonnt sich gerne. Am liebsten direkt am Ast. Ideal ist dafür die sonnige Lage der Weinberge. Er hat außen eine raue Haut mit weichem Flaum und innen ein strahlend-rotes Fleisch samt Stein. Seine Heimat? Die Mosel. Hier ist er eine beliebte Spezialität, die beispielsweise im Weingut Göbel-Schleyer- Erben in Ernst wächst. Seit drei Generationen bewirtschaftet die Familie das Weingut. Vater Göbel machte 1996 den Anfang mit den Weinbergspfirsichen, als er um die 50 Bäumchen der selten gewordenen Fruchtsorte pflanzte. Die junge Generation der Familie bewirtschaftet inzwischen rund 450 Bäume und verarbeitet die roten Früchtchen unter anderem zu Konfitüren, Brotaufstrich oder eben dem beliebten Likör. Dabei ist die Likörherstellung für die Göbens kein Neuland. Seit Jahren stellten sie schon Weintraubenlikör her. Der etwas herbfruchtige Geschmack des zwanzig prozentigen Weinbergpfirsichlikörs kommt ganz natürlich ohne extra Aromastoffe aus. An der Mosel trinkt man ihn pur oder gemischt mit Sekt, ähnlich wie beim Kir Royal, www.goebel-schleyer.com.

Seinen Senf dazugeben: Senfmühle in Cochem

Die rund 500 Kilo schweren und 200 Jahre alten Mühlsteine mahlen und mahlen, egal ob neue Kreationen oder traditionelle Rezepte aus dem 15. Jahrhundert. Die Senfmühle in Cochem ist schon eine betagte Dame. Immerhin gehört sie zu den ältesten Mühlen in Deutschland. Wolfgang Steffens bekam sie in die Hände und restaurierte sie komplett. Dabei hatte er ideale Voraussetzungen, um die alte Mühle zu restaurieren. Er ist nämlich gelernter Schloss und Dreher. Doch inzwischen ist er zusammen mit Geschäftspartner Bernd Dehren hauptberuflich Senfmüller, die letzten und einzigen in Rheinland-Pfalz. Sein Ziel: den Senf nach alter Art herzustellen. Dabei nutzt er ein Verfahren, bei dem der Senf kaltgemahlen wird und die ätherischen Öle aus dem ganzen Senfkorn erhalten bleiben. Was es heißt, täglich immerhin 360 Kilo Senf herzustellen, können sich Besucher vor Ort anschauen. Natürlich führt der Senfmüller hier persönlich durch die Produktionsanlage und weiht in die Geheimnisse der großen Tanks und Bottiche ein. Wer weiß schon, dass der Senf eine von Natur aus konservierende Wirkung hat oder das Originalrezepte aus dem 15. Jahrhundert für unsere Geschmäcker etwas an Weihnachten erinnern? Mit Online-Shop, unter: www.senfmuehle.net.

Der Geschmack von Weihnachten: Printenbäckerei Klein in Aachen

Printen nur zu Weihnachten? Undenkbar in Aachen. Schließlich sind sie hier quasi das „Nationalgebäck“ und gehören hierhin wie die Fritte nach Brüssel. Das ganze Jahr über sind Printen in Aachen zu bekommen. Auch die Touristen aus aller Welt sind auf den Geschmack gekommen. So verschickt die Bäckerei Klein ihre Leckereien inzwischen weltweit an ihre Printenfans. Das Rezept? Wird nicht verraten und bleibt in der Familie. Andreas Klein führt inzwischen in vierter Generation die Traditionsbäckerei und macht da keine Ausnahme. Aber so viel sei gesagt: sie sind handgemacht und schmecken herrlich winterlich nach Anis, Zimt, Koriander und Nelken, ähnlich wie ein Lebkuchen. Dabei ist die Printe bei den Kleins noch lange nicht Printe. Familie Klein stellt unzählige Variationen her: von Printenkonfekt mit Mandeln und Schokolade über die klassische Weichprinten bis hin zur knusprigen Printillo – insgesamt rund 80 Tonnen im Jahr! Wer die Printen der Printenbäckerei Klein probieren möchte, schaut einfach vor Ort (Führungen nach Anmeldung für kleine Gruppen sind möglich) oder online vorbei: www.printen.de

Extraportion Charakter: Preussische Whisky Destillerie in Mark Landin (Brandenburg)

Erdig und kraftvoll – so soll ein guter Whiskey eben schmecken. Der Preussische Single Malt aus Bio-Gerstenmalz wird von Hand destilliert und in Eichenfässern gelagert. Der Produktionsort liegt nicht irgendwo in Schottland, sondern mitten in Brandenburg, in Schönermark. Die gelernte Pharmazie-Ingenieurin Cornelia Bohn hat sich hier ihren lang gehegten Traum einer Whiskey Destillerie erfüllt. Sie verliebte sich in die ehemalige Brennerei und den angeschlossenen Pferdestall und blieb. Schließlich ist es hier seit 150 Jahren Tradition, Whiskey herzustellen - und das spürt man. Also genau der richtige Ort für ihre Leidenschaft. Das eigentliche Gebäude musste abgerissen werden, der Pferdestall wurde in mühevoller Kleinarbeit in die jetzige Destille umgewandelt. Ihr Whiskey (€ 80) kann nur über Händler bezogen werden, beispielsweise in den Niederlanden unter: www.scotland-and-malts.com. Weitere Informationen unter: www.preussischerwhisky.de.

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