„Allein unterwegs kann aus einem Problem schnell ein Notfall werden“

„Allein unterwegs kann aus einem Problem schnell ein Notfall werden“ Foto: Olga Danylenko

Florian Hellberg, Sicherheitsforscher des Deutschen Alpenverein (DAV), über Unfälle in den Bergen, sinnvolle Prävention und die richtige Ausrüstung. Interview: Cordelia Neumetzger

 
Herr Hellberg, Sie haben vergangene Woche Ihre Jahres- Unfallstatistik veröffentlicht. Fangen wir mit der guten Nachricht an: Die Zahl der tödlichen Unfälle ist zurückgegangen. Sie schreiben, das sei auf die Witterungsbedingungen zurückzuführen. Werden die Leute demnach nicht klüger?

So würde ich das nicht sehen. Im Jahr 2012 hat sich ein klarer Trend der letzten Jahre fortgesetzt, mit einer sinkenden Anzahl tödlicher Unfälle. 2012 fiel diese Zahl noch deutlicher aus, wegen der Witterung. Aber insgesamt zeigt sich schon ein Trend, und der führt nach unten. Und zwar unabhängig vom Wetter. Das lässt sich darauf zurückführen, dass es ein höheres Engagement in Sachen Ausbildung gibt. Die Leute nehmen die DAV-Führer und weitere Informationsquellen in Anspruch.

Sind die meisten der Verunglückten eher Amateure oder eher Kletterer, die häufig Bergtouren unternehmen?

Signifikant messbar ist, dass die Unfälle mit der Erfahrung der Kletterer abnehmen. Damit meine ich, Erfahrung in Form von Ausbildung und der Vermittlung an Fertigkeiten, wie man sich im Gelände bewegt. Somit ist die Erfahrung ein wichtiger Schritt zur effektiven Unfallprävention.

Wer verunglückt eigentlich vor allem?

Bei tödlichen Unfällen stellen wir oft fest, dass es bereits körperliche Probleme gab. Dabei sind Herz-Kreislauf-Erkrankungen die Todesursache Nummer 1. Hier zählen die älteren Menschen als Risikogruppe. Aber nicht immer ist die Ursache so leicht festzustellen: Ist ein Sturz zum Beispiel passiert, weil der Verunglückte zuvor einen Herzinfarkt hatte oder hatte er einen Infarkt, weil er gestürzt ist?

Was tut der DAV, damit es erst gar nicht zu Unfällen in den Bergen kommt?

Der DAV bietet diverse Informationskanäle. Zum einen die DAV-Kartografie mit einem ausführlichen Kartenwerk der Alpen. Die bieten wir digital und in Papierform an; es gibt DAV-Führer als Bücher und ein neues Tourenportal online. Das ist eine Internetplattform, auf der unter anderem auch Toureninfos und aktuelle Tourenbedingungen abgefragt werden können. Da der DAV ein deutscher Verein ist, sind die Informationen bisher hauptsächlich auf Deutsch. Darüber hinaus bietet der DAV spezielle Kurse für Kinder und Jugendliche an. Die beinhalten zum Beispiel eine Alpinausbildung, aber dabei spielen auch persönlichkeitsbildende Aktionen eine Rolle. Die einzelnen Kurse sind ohnehin zielgruppenorientiert. Es gibt Angebote für gemischte Gruppen, Eltern mit Kindern oder Erwachsenenprogramme, bei denen die reine Ausbildung, etwas das Klettersteiggehen, im Mittelpunkt steht. Das Ausbildungsprogramm-Angebot wächst ständig. Mittlerweile haben wir 8.000 qualifizierte Fachübungsleiter und Trainer, die die Kurse durchführen.   

In der Unfallstatistik ist auch vom Klettersteiggehen die Rede. Was genau ist Klettersteiggehen im Vergleich zum alpinen Klettern, wie es landläufig bekannt ist?

Das Klettersteiggehen ist eine Spielart des Bergsteigens, bei dem der Weg mit einem bereits installierten Drahtseil gesichert ist, an das sich der Klettersteiggeher einhängt. Das heißt, der Benutzer hängt sich mit seinem Klettersteigset in das vorhandene Sicherungsdrahtseil ein. Darin liegt aber auch das Problem. Der Zugang ist leichter als an klassischen Kletterrouten. So können auch Leute mit weniger Wissen Klettersteige benutzen. In Deutschland gilt das „freie Betretungsrecht“, das heißt, jeder kann die Klettersteige benutzen. Auch wenn er unerfahren ist. Die Kehrseite der Medaille ist, dass sich die Leute hin und wieder überschätzen. Beim eigentlichen Klettern baut sich der Kletterer das Sicherungssystem selbst auf. Am Fels sind lediglich Haken befestigt, an die er dann selbst seine Sicherung anbringt. Das erfordert höhere technische Fähigkeiten und ein spezielles Knowhow, sonst kann man das nicht machen.

Wann passieren eigentlich die meisten Unfälle? 

Hauptsächlich in der Sommersaison oder an Feiertagen und am Wochenende, wenn eben die meisten Menschen unterwegs sind. Im Jahr 2003 beispielsweise war es sehr heiß, das Wetter war sehr gut, und damit waren auch die Tourenaktivitäten hoch. Allerdings herrschten schlechte Tourenbedingungen, das heißt, durch die Hitze taute Permafrost auf und das Steinschlagrisiko stieg. So kam es dann zu mehr Unfällen.

Sind teilweise auch Alkohol und Drogen im Spiel?

Eher selten. So genau können wir das aber gar nicht dokumentieren. Aber beispielsweise jemand, der sich nach einem Hüttenabend den Fuß verknackst hat, wird unter „Sonstiges“ und nicht als „Wanderunfall“ registriert.

Wie sollte sich ein Verunglückter in einer Notsituation verhalten?

Am wichtigsten sind die medizinische Erstversorgung, sich eine Übersicht verschaffen und dann schnellstmöglich einen Notruf absetzen. Gerade in den Bergen, wo sich die Rettung ja auch schwierig gestalten kann.

Was sollten Bergsteiger, Kletterer oder Wanderer auf jeden Fall immer dabei haben? 

Neben der notwendigen Kletter-Ausrüstung sollten auf jeden Fall Vorkehrungen gegen Kälte und schlechtes Wetter dabei sein. Also warme Sachen, Handschuhe und eine Jacke. Außerdem ein Erste-Hilfe-Set und ein Handy. Wir raten auch dazu, nicht alleine in die Berge zu gehen, sondern in der Gruppe. Das ist eine klare Empfehlung, denn alleine kann aus einem Problem schnell ein Notfall werden.

Wie denken Sie, geht es mit dem Unfall-Trend in den kommenden  Jahren weiter? Wie schaut es bisher 2013 aus, der Juli war ja traumhaft schön … 

Gefühlsmäßig würde ich sagen, dass es auf dem niedrigen Niveau bleibt, aber ob es noch weniger Unfälle gibt als 2012 ist fraglich. Unsere Statistiken beruhen aber auf nachträglichen Auswertungen, sodass ich dazu für dieses Jahr noch nichts sagen kann.

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